Mit dem Metronom zum Nordderby: Erfahrungsbericht einer Frau

15.05.2026 - Das Nordderby in Bremen hat mich schon Wochen zuvor beschäftigt. Ich war noch nie bei einem Auswärtsspiel in Bremen und wollte unbedingt hin. Da ich grundsätzlich nicht zu den Glücklichen gehöre, die im Ticketshop Karten ergattern, war lange unklar, ob es diese Saison endlich so weit sein würde. Vor längerer Zeit habe ich gemeinsam mit einer Freundin beschlossen, auch ohne Ticket in den Metronom zu steigen – irgendwie kommt man schon ins Stadion, so unsere Devise. 

Als ich am Mittwoch vor dem Derby ein Ticket bekomme, bin ich überglücklich. Obwohl mir viele Leute im Vorfeld gesagt hatten, dass Nordderbys keinen Spaß machen, hab ich richtig Bock auf den Spieltag. Nahezu grenzenlos wird meine Vorfreude, als sich am Samstagvormittag auch noch ein Ticket für meine Freundin auftut. Ausgeschlafen und optimistisch mache ich mich auf den Weg zum Hauptbahnhof. 

Erwartungsgemäß ist alles voller HSV-Fans und als ich schließlich meine Freunde am Gleis entdecke, stellte sich das vertraute und erwartungsvolle Spieltagsgefühl ein. Wir machen uns also gut gelaunt im Metronom breit, sogar ein Sitzplatz ist drin. Ich hatte mir eigentlich mal vorgenommen, diese Regio-Anreisen nicht mehr mitzumachen, aber was kann in etwas mehr als einer Stunde schon passieren? 

Es dauert nicht lang und ich muss auf Toilette. Aufgrund etlicher ekelhafter Erfahrungen mit Zug-Toiletten an Spieltagen achte ich eigentlich darauf, vorher nicht so viel zu trinken. Hat diesmal nicht so gut geklappt. Schweren Herzens gebe ich meinen Sitzplatz auf und mache mich auf den Weg durch die Waggons auf die Suche nach der nächsten benutzbaren Toilette. Der Gang durch die völlig überfüllten Waggons ist immer mit viel ungewolltem Körperkontakt und Generve verbunden – natürlich nicht nur für mich als Frau, sondern auch für alle anderen, die keinen Platz ergattern konnten und folglich im Gang stehen müssen. Trotzdem ist es immer wieder spannend, wie unterschiedlich Menschen – vor allem Männer – darauf reagieren. 

Viele machen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Platz und versuchen zu vermeiden, dass ich mich eng an ihnen vorbei drängen muss. Andere ignorieren mich demonstrativ, so als würde das die Situation auflösen. Manche hingegen scheinen nur darauf zu warten, mal wieder Körperkontakt mit einer Frau zu haben. Da wird die Gelegenheit, Hand an eine Frau anzulegen, gerne genutzt und häufig mit Sprüchen á la „Du kannst auch gerne einfach bei uns stehen bleiben“ kombiniert. Danke, nein. Und du brauchst mich auch nicht anfassen, weder am Arsch, noch am Rücken oder der Schulter. Natürlich gilt auch hier: je betrunkener, desto unangenehmer, anzüglicher und aufdringlicher. 

Ich frage mich, was sich diese Männer erhoffen? Ob sie nicht merken, wie unangenehm sie sind oder ob sie sich insgeheim einfach nur nach Nähe sehnen, ist mir unklar. Es ist aber auch egal, denn weder Unwissenheit noch irgendwelche Bedürfnisse legitimieren dieses Verhalten. Was mich in solchen Situationen aber noch viel fassungsloser und wütender macht, sind die Reaktionen der umstehenden Personen. Sie schwanken zuverlässig zwischen lachen, betreten weggucken, zustimmend nicken oder noch einen weiteren – in der Regel noch schlimmeren – Spruch draufzusetzen. Manche gucken mich entschuldigend an, zucken die Schultern nach dem Motto: So ist er halt, wenn er getrunken hat. Hab dich nicht so. Nach zwei Waggons erreiche ich mein Ziel und zu meiner großen Überraschung ist die Toilette auch noch ausgesprochen sauber. Ich atme durch und beschließe, mich nicht schon fünf Stunden vor Anpfiff aufzuregen. 

Es kostet nicht nur jedes Mal viel Mut und Kraft, sich gegen diese Verhaltensweisen aufzulehnen, sondern es nervt auch unfassbar. Genau wie wohl die meisten anderen möchte ich an Spieltagen meinen Kopf ausschalten, den HSV so laut es geht anfeuern und eine gute Zeit haben. Ich möchte nicht die ganze Zeit über Dinge wie Sexismus oder Homophobie nachdenken und darauf aufmerksam machen – aber wenn ich nahezu durchgehend mit diesen Dingen konfrontiert bin, möchte ich eben auch nicht die Fresse halten. Trotzdem nehme ich mir vor, mich auf dem Rückweg nicht über die Sprüche und anzüglichen Gesten aufzuregen. 

Inzwischen steht der Metronom außerplanmäßig und da die Klimaanlage ausgegangen ist, ist es wirklich warm und stickig. Zurück an meinem Platz muss ich feststellen, dass ein Typ im Vierer schräg gegenüber dies als Anlass genommen hat, sein Trikot auszuziehen. Da es sich um einen Bremer handelt, bin ich einerseits froh, das Trikot nicht weiter sehen zu müssen. Andererseits habe ich jetzt freien Blick auf seine jugendliche Hühnerbrust und den Schweiß, der ihm am ganzen Körper entlangläuft. Wie in einem schlechten Softporno reibt er sich regelmäßig über die Brust. Was stimmt nur nicht mit ihm? Aber ich habe keine Lust, etwas zu sagen oder mich aufzuregen. Ich bin es Leid, Männer in meinem Umfeld darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich unangenehm verhalten. Ich konzentriere mich auf die Gespräche mit meinen Freunden und irgendwann zieht der Typ nicht nur sein scheiß Bremen-Trikot wieder an, sondern Gott sei Dank auch noch einen Pullover drüber. 

Ein paar Stunden später stehe ich im Gästeblock und warte darauf, dass es los geht. Meine Vorfreude ist allerdings schon getrübt. Bereits in der Stunde vor Anpfiff höre ich nahezu unterunterbrochen sexistische und homofeindliche Beleidigungen und sehe etliche Gesten, die diese Formen der Beleidigungen ausdrücken sollen. Mir war schon klar, dass es dazu kommen würde – aber das Ausmaß überrascht mich doch ein wenig. Eigentlich hatte ich den Eindruck, dass diese primitiven Formen der Beleidigung inzwischen nur noch von einer Minderheit genutzt werden. Heute skandiert sie gefühlt der ganze Block. Was mir dabei auffällt: je häufiger diese Beleidigungen fallen, desto mehr Leute steigen ein. Frei nach dem Motto „Jetzt wurde schon so oft ‚Hurensohn‘ oder ‚Schwuchtel‘ gesagt, da ist es schon in Ordnung, wenn mir das jetzt auch mal rausrutscht.“ Und wenn es von der Szene kommt, auf die gerade jüngere männliche HSV-Fans mit großer Ehrfurcht blicken, ist es wohl nicht nur in Ordnung, sondern sogar cool oder gar wünschenswert. 

Ich beobachte dieses Verhalten auch bei Freunden von mir, auch hier gilt: je betrunkener, desto hemmungsloser. Wieder schlucke ich meine Wut runter, habe keine Lust auf Diskussionen und versuche, mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Doch je länger das Spiel dauert, desto schwieriger wird es. Spätestens Mitte der zweiten Halbzeit habe ich endgültig schlechte Laune und beginne mich zunehmend unwohl zu fühlen. 

Wenn ich andere HSV-Fans darauf anspreche und sie frage, warum sie sexistische oder homofeindliche Beleidigungen nutzen, wird mir häufig entgegnet, dass sich sexistische Schimpfwörter ja nicht gegen mich oder andere Frauen richten würden. Ich glaube den Leuten das sogar oft, aber egal mit welcher Intention – es bleibt Sexismus. Und auch wenn diese Personen selbst von sich behaupten, keine Sexisten zu sein, sind sie eben auch nicht das Gegenteil davon. Jeder und jede, die diese Beleidigungen nutzt, trägt dazu bei, sie zu normalisieren. Damit ist man vielleicht nicht das allergrößte Problem, aber eben auch nicht Teil der Lösung. Wenn die Abwertung von Frauen aufgrund ihres Geschlechtes dauerhaft ohne Widerspruch passiert, ist der Weg zu ihrem systematischen Ausschluss – sei es aus der Fankurve oder anderen gesellschaftlichen Bereichen – nicht mehr weit. Worte können Taten den Weg bereiten. 


Während ich über all diese Dinge nachdenke und den Spaß am Spiel endgültig verloren habe, ist es inzwischen zu Ende gegangen. Ich teile die Wut und den Frust über die spielerische Nicht-Leistung, ich gönne den Bremern die Genugtuung des Sieges nicht. Aber noch viel enttäuschter bin ich über den Gesamtauftritt des Gästeblocks. Neben mir versucht ein etwa 18-Jähriger den seitlichen Zaun zum Bremen-Block hochzuklettern. Nach mehrmaligem Anlauf schafft er so halb, fängt an rüber zu rotzen und pöbelt auf übelste Art und Weise. Ich würde ihm gerne sagen, wie peinlich er ist. Aber um ihn rum steht ein Pulk seinesgleichen, die ihn anfeuern und die so aggressiv wirken, dass eine Diskussion ausgeschlossen scheint. 

Resigniert einigen wir uns darauf, noch schnell auf die Toilette zu gehen und dann schnellstmöglich abzuhauen. Im Umlauf beginnen einige damit, Böller zu zünden. Es ist verraucht und unübersichtlich. Mülltonnen werden herumgeschleudert. Wir ahnen schon, dass es gleich ungemütlich wird und beeilen uns.  Als ich aus der Toilettenkabine komme, stehen zwei besoffene, große und aggressive Männer vor den Waschbecken. Einer von ihnen macht sich unten an dem Wasserzulauf zu schaffen und verkündet lallend, dass er hier alles kaputt machen will. Ich möchte ihm gerne sagen, dass er sich von der Frauentoilette verpissen soll und hier als Mann nichts zu suchen hat, aber er wirkt nicht mehr so richtig zurechnungsfähig und ich habe Angst. Wir sehen zu, dass wir aus dem Stadion kommen und vom hektischen Mob nicht überrannt werden. 

Gemeinsam mit einer Freundin beschließe ich, nicht direkt den nächsten Metronom nach Hamburg zu nehmen. Der Gedanke, nochmal in einem völlig überfüllten Zug mit betrunkenen und aggressiven Männern zu sitzen, stresst mich. Stattdessen gehen wir gemeinsam etwas essen, sprechen über den Tag und unsere Erfahrungen. Das Gespräch tut gut, wir haben einen ähnlichen Blick auf die Dinge und je mehr Zeit vergeht, desto sicherer fühle ich mich wieder. Schließlich steige ich in den Zug und stelle erleichtert fest, dass er leer ist. Die Toiletten sind unbenutzbar, es ist dreckig und riecht nach Kotze. 

Kurz vor Abfahrt kommen vereinzelte Männer dazu, einer sitzt ein paar Reihen schräg gegenüber. Er nickt mir zu und lächelt mich an, immer wieder guckt er zu mir. Sicher will er nur nett sein, mir zeigen, dass er auch HSVer ist. Es gibt ja auch sonst nicht viel zu gucken, draußen ist es inzwischen dunkel. Trotzdem werde ich wieder nervöser, weil ich ihn nicht einschätzen kann und er offensichtlich betrunken ist. Ich überlege kurz, mich woanders hinzusetzen. Aber dann ärgere ich mich über mich selbst, es ist ja nichts passiert und ich möchte nicht jeden Mann unter Generalverdacht stellen. Trotzdem zeigt mir mein Unwohlsein, dass es gar nicht unbedingt konkrete, tätliche Übergriffe braucht – auch die Angst davor, dass es potenziell passieren könnte, ist schon schlimm. Und diese Angst ist in dem Umfeld, in dem ich mich an dem Tag bewegt habe, stetig gewachsen. 

Podiumsgespräch am 07.05.26: Der HSV im Nationalsozialismus

14.04.2026 -  Mit „Die Raute unterm Hakenkreuz – Der HSV im Nationalsozialismus“ erscheint eine umfassende Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten unserer Vereinsgeschichte im Nationalsozialismus.

Im Mittelpunkt des Abends stehen zentrale Fragen zur Vergangenheit des Vereins: Wie verhielt sich der HSV im Nationalsozialismus? Welche Geschichten wurden lange nicht erzählt? Und was bedeutet es heute, sich dieser Vergangenheit zu stellen?

Auf dem Podium diskutieren über diese Fragen Werner Skrentny (Herausgeber), Paula Scholz (KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Netz E), Jürgen Kowalewski (Autor der Asbjørn Halvorsen-Biografie), Niko Stövhase (HSV-Museum) und Svea Gruber (Netz E).

📍 Wo?
Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg, Hühnerposten 1 (direkt am Hauptbahnhof)

⏱️ Wann? 
07.05.2026 um 19.00 Uhr

Die Veranstaltung findet anlässlich des Tags der Befreiung am 8. Mai 1945, im Rahmen der Woche des Gedenkens Hamburg-Mitte und passend zu 10 Jahre Netzwerk Erinnerungsarbeit statt. Wer das Buch vorab schon bestellen möchte, kann dies am besten im Buchhandel oder online tun.

Die Veranstaltung bietet die Möglichkeit miteinander ins Gespräch zu kommen. Eingeladen sind alle, die sich für den HSV, Geschichte und Erinnerungskultur interessieren. 

Der Eintritt ist frei. Kommt vorbei!


Förderkreis Nordtribüne e. V. & Netzwerk Erinnerungsarbeit
Im April 2026

Wir feiern Jubiläum und blicken auf ein Jahrzehnt Erinnerungsarbeit zurück

14.04.2026 -  Mit einem ersten „Netzwerktreffen Erinnerungsarbeit“ vor zehn Jahren hat alles angefangen. Heute feiern wir unseren ersten runden Geburtstag. Danke an alle, die uns über die Jahre begleitet haben: kritisch, unterstützend, solidarisch.

Gemeinsam konnten wir Themen sichtbar machen, die im Fußballalltag oft untergehen: historische Aufarbeitung, heutige Verantwortungsübernahme und eine klare Haltung gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit. Dabei ging es uns nie um den moralischen Zeigefinger. Vielmehr verstehen wir uns als Teil eines größeren Netzwerks, das sich für einen offenen, solidarischen und reflektierten HSV starkmacht – für einen Verein, der seine Werte ernst nimmt.

In regelmäßigen Treffen diskutieren wir aktuelle Entwicklungen, in Arbeitsgruppen arbeiten wir u. a. zur Umgestaltung des Kriegerdenkmals oder zur Zwangsarbeit im Volksparkstadion. Mit Stolperstein- und Gedenkrundgängen informieren wir kritisch über die nationalsozialistische Vergangenheit unseres Vereins, in Podcast-Folgen befassen wir uns mit Themen wie Sexismus im Fußball oder der gesellschaftlichen Verantwortung unserer Sponsoren. Und wir haben an Prozessen mitgewirkt, die den HSV langfristig verändert und geprägt haben.

All das wäre ohne die Energie, Expertise und Beharrlichkeit vieler Institutionen und Menschen nicht möglich gewesen. Und vor allem nicht ohne all die wertvollen Netzwerke im Verein und seiner Fanszene. Daher danke an das HSV-Fanprojekt, den Förderkreis Nordtribüne e. V., den HSV Supporters Club, die HSV Fußball AG, insbesondere den Bereich Fankultur, den HSV e. V. und viele weitere Gruppen innerhalb des Vereins, die Projekte mittragen und mit Leben füllen. Wir alle sind der HSV, und nur gemeinsam sind wir stark.

Ganz besonders wollen wir uns zudem bei Initiativen und Organisationen bedanken, die sich normalerweise außerhalb des Fußballkontextes bewegen und uns während unserer Arbeit begleitet haben. Danke an die Initiative zum Gedenken an Ramazan Avcı, der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm sowie der KZ-Gedenkstätte Neuengamme für eure extrem wichtige Arbeit.

Unser Jubiläum ist ein Moment des Innehaltens – und ein Versprechen. Denn Verantwortung bleibt und wir bleiben dran. Gemeinsam mit allen, die für die gleichen Werte einstehen und unseren Verein mit uns gestalten wollen. 

28.01.26: Verantwortung bleibt! Das Schweigen zentraler HSV-Partner 

27.01.26: Gedenkveranstaltung und Kranzniederlegung am 27.01.

07.01.26: Rund um den 27.01.: Gedenken, Erinnern, Verantwortung

21.12.25: 40. Todestag von Ramazan Avcı: Kein Vergeben, kein Vergessen

17.11.25: Neuer Ausstellungskatalog mit neuen Inhalten verfügbar

24.01.23: Danksagung zum Ehrenamtspreis des HSV

08.11.22: Danksagung zum Julius-Hirsch-Preis

02.08.22: In Gedenken an Mehmet Kaymakcı 

15.03.22: Ausstellungseröffnung „Ins rechte Licht gerückt – Der Einfluss von rechts auf die HSV-Fanszene der 1980er Jahre“

27.01.22: Wir erinnern an die Verfolgten und Ermordeten durch das NS-Regime

21.12.21: In Gedenken an Ramazan Avcı

17.06.21: Sexualisierte Gewalt beim HSV – Wir wollen nicht länger wegschauen! 

18.05.21: Antisemitismus auf Hamburgs Straßen – Solidarität mit allen Jüdinnen und Juden 

10.04.21: Zur Person Tomasz Froelich: Rechtsextreme Positionen offenlegen – Solidarität mit antirassistischen Fan-Initiativen! 

02.02.21: Aufruf: Wie wollen wir gedenken?

21.01.21: „Stimmen der Kurve“? Nazi-Propaganda bleibt Nazi-Propaganda

21.12.20: Zum Gedenken an Ramazan Avcı: Betroffenenperspektive stärken, rechten Strukturen entgegentreten

08.11.19: Rechtsradikale Personen im Umfeld des Hamburger Sport-Vereins